Zitronen und Olivenöl

Der Geschmack meiner griechischen Heimat – Ein griechischer Foodblog

Koliva

4 Kommentare

Am Samstag ist Psychosavato, meinte meine Mutter vor ein paar Tagen über Facetime. Ein Tag, an dem man der Toten gedenkt. „Zum ersten Mal werde ich keine Koliva für Deinen Vater machen, zum ersten Mal seit 18 Jahren.“ Kurz zucke ich bei der Zahl zusammen, aber ich bin erleichtert und beruhigt. Denn Koliva zubereiten und von der Stadt in die Kirche unseres Bergdorfes zu bringen, dabei mit mehreren Menschen in Kontakt kommen ist zu Pandemie-Zeiten mindestens leichtfertig. Besonders leichtfertig für meine nicht mehr ganz so junge Mutter. Ich weiß, dass sie sich diese Entscheidung nicht leichtgemacht hat. Sie gehört zu den Menschen, denen der Glaube und die kirchlichen Rituale Kraft geben. Sie wird stattdessen Pita backen und an Nachbarn verteilen.

Koliva sind gekochte Weizenkörner, die mit Nüssen, Rosinen und manchmal auch mit Granatapfelkernen gemischt werden. Darüber kommt eine dicke Puderzuckerschicht. Diese Schicht wird mit Liebesperlen oder Nüssen verziert: ein Kreuz, die Initialen des Toten sowie je nach Geschmack mit diversen Ornamenten. Nach der Messe werden die Koliva unter den Gläubigen verteilt. Am Samstag der Toten, dem Psychosavato oder an Beerdigungen und den vielen Mnimosina (Gedenkgottesdienste für Verstorbene) gibt es Koliva. Selten gibt es mal keine Koliva nach einem griechischen Gottesdienst.

Koliva sind lecker, ich mag Getreide, ich mag Süßes. Aber Koliva erinnern mich an all jene Familienmitglieder, die nicht mehr unter uns sind. Und genau das sollen diese süßen Weizenkörner ja auch.

Als Kind habe ich mich beim Hinausgehen aus der Kirche brav angestellt und meine Portion Koliva in Empfang genommen, meist in einem Plastikbecher oder einer Filtertüte. Meine Mutter ermahnte mich jedes Mal, vorsichtig zu essen und ja nichts davon fallen zu lassen, da die Koliva geweiht sind. Der griechische Ausdruck, den meine Mutter verwendete war, „diabasmena“, belesen. Belesene Körner. Diese Erklärung leuchtete mir damals nicht ein, aber ich wusste, es würde Ärger geben, wenn mir diese belesenen Weizenkörner auf den Boden fallen würden. Also hieß es vorsichtig essen und erst danach spielen gehen. Mit toten Menschen habe ich Koliva damals nicht in Verbindung gebracht.

Das erste Mal, als ich verstand, dass Koliva traurig sind, war ich ungefähr 8 Jahre alt. Wir waren in Griechenland, aber es war kein normaler Urlaub. Ich erinnere mich an meine früh verstorbene Oma, die Koliva für Ihren erstgeborenen Sohn, meinen Onkel, zubereitete. Ich durfte beim Verzieren zusehen. Auf der schneeweißen Puderzuckerdecke bildete sie aus silbernen Liebeserlen ein Kreuz sowie den Buchstaben Γ, für den Namen meines Onkels. Meine sonst so gar nicht stille Oma war erstaunlich still. Leise fragte sie mich, ob ich mich an meinen Onkel erinnere. Ich spürte ihre Trauer.

Koliva also für meinen Vater. Ich bekomme häufig Fragen von Bloglesern nach bestimmten Rezepten. Nach Gerichten, die jemand im Urlaub gegessen hat oder nach Gerichten für bestimmte Anlässe: Patsa, Magiritsa, Koliva, zum Beispiel. Magiritsa und Patsa wird es hier nicht geben: mag ich nicht, esse ich nicht, ich muss sogar das Haus verlassen, wenn das gekocht wird. Mein Rezept für Koliva schreibe ich hier aber gerne auf, für alle die es mal brauchen werden.

Für deses Koliva-Rezept verwende ich wenig Zucker und verzichte auf die Puderzuckerschicht und verwende stattdessen gemahlene Mandeln. Auch meine Mutter verzichtet darauf und dekoriert lediglich mit ein paar Rosinen und Mandeln. Manchmal verwendet meine Mutter Kokosraspel. Beide verzichten wir auf Petersilie und Granatapfelkerne, die in manchen Gegenden verbreitet sind.

Kunstvolle Dekoration ist nicht so meins, ich verwende ein paar Rosinen und Mandeln. Inspiration findet ihr im Internet, wenn ihr nach Koliva sucht.

Zutaten für einen Platte mit ca 26 cm Durchmesser

Die Mengen für Nüsse und Rosinen können je nach Geschmack variiert werden. Ich verwende viel Sesam, da ich den Geschmack von Sesam mag und wenig bis gar keine Rosinen.

  • 200 g Weizenkörner
  • 80 g Mehl (ersatzweise Zwieback oder Mehl und gemahlenen Zwieback gemischt)
  • 100 g ganze Mandeln
  • 80 g Walnüsse
  • 80 g Sesam (in meinem Fall ungeschält)
  • 50 g selbstgemachter Vanillezucker oder Zucker
  • 2 TL Zimt
  • ½ TL Nelkenpulver
  • 50 g Korinthen oder Sultaninen (je nach Geschmack auch mehr davon)
  • 150 g gemahlene Mandeln zum Bestreuen
    oder ca 250 g Puderzucker (ggf. auch mehr, je nach Oberfläche)
  • Mandeln, Rosinen, Liebesperlen für die Deko

1
Die Weizenkörner gründlich waschen und für ca. 12 Stunden in reichlich Wasser einweichen.

2
Am nächsten Tag den Weizen abgießen und mit reichlich Wasser zum Kochen bringen. Das Wasser dabei leicht salzen. Bei geschlossenem Deckel und mittlerer Temperatur in 40-50 Minuten gar kochen. Je nach Packungsanweisung. Die Körner sollten nicht aufplatzen und weich sein.

3
Falls ihr Mandeln mit Haut habt, übergießt ihr sie mit heißem Wasser und lasst sie für 10-15 Minuten stehen. Danach lässt sich die Haut sehr einfach von den Mandeln abziehen.

4
Den Weizen abgießen und abtropfen lassen. Ein Backblech mit einem Geschirrtuch auslegen, die Weizenkörner darauf ausbreiten und mit einem weiteren Geschirrtuch bedecken. Für ca. 4 Stunden trocknen lassen. Es ist wichtig, dass der Weizen möglichst trocken wird. Sonst werden die Koliva später matschig.

5
Den Ofen auf 180°C vorheizen. Die Mandeln, die Walnüsse und den Sesam getrennt auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech geben. Die Nüsse ca. 10-15 Minuten im Backofen rösten. Immer wieder kontrollieren, damit sie nicht zu dunkel werden. Ein paar Mandeln für die Deko beiseitestellen.

6
Das Mehl in eine Pfanne ohne Fett geben und langsam unter ständigem Rühren rösten, bis es zu duften beginnt und die Farbe etwas gelber wird.

7
Die Weizenkörner in eine Schüssel geben. Das Mehl untermischen. So wird vorhandene Feuchtigkeit gebunden. Falls ihr Zwieback verwendet gebt ihr jetzt den gemahlenen Zwieback hinzu. Den Zucker zusammen mit den Gewürzen und den Korinthen untermischen.

8
Den Sesam im Blitzhacker zerkleinern. Allerdings nicht zu lange, damit es keine Paste wird. Die Mandeln und die Walnüsse ebenfalls nicht ganz fein mahlen. Alles zu den Weizenkörnern geben und gut untermischen.

9
Eine Platte oder einen flachen Teller herrichten. Den Weizen darauf schichten und gut festdrücken. Wer Puderzucker verwenden möchte siebt jetzt eine dicke Puderzuckerschicht über die Koliva und drückt diese mit Hilfe eines Backpapiers oder eines Küchentuchs fest. Dadurch wird die Oberfläche glatt. Alternativ die gemahlenen Mandeln auf die Oberfläche geben und ebenfalls mit Hilfe eines Tuchs oder Backpapiers glattdrücken. Nun kann dekoriert werden: mit Mandeln, Rosinen, Granatapfelkernen, Liebesperlen. Ein Kreuz ist obligatorisch, der Rest ist Geschmackssache. Beliebt sind Ornamente, Blumen… und natürlich die Initialien der Verstorbenen.

Autor: Zitronen und Olivenöl

Greek Foodblogger based in Germany

4 Kommentare zu “Koliva

  1. Danke für diesen schönen Beitrag 💙 Gruß, Margot

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  2. Wie passend! Ich habe gestern erst Koliva von meiner Schwiegermutter bekommen. Wegen Corona fand die Lesung der Namen ohne Menschen in der Kirche statt, aber man konnte das Koliva abgeben, segnen lassen und wieder abholen. Danke für den Beitrag und liebe Grüße aus Athen, Julia

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  3. Liebe Marina! Mir war als wuerde ich auch deine Trauer spueren bei diesem uebrigens schoenen Beitrag. Danke fuer das Rezept! Vielleicht werde ich auch einmal eine Koliva fuer meinen Vater machen – nach 16 Jahren.
    Ich wuensche dir und deiner Mutter alles Gute!

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    • Hallo Margrit, danke für den netten Kommentar und Deine Wünsche. Früher habe ich in den zahlreichen griechischen Trauerritualen keinen Sinn gesehen. Heute denke ich, dass sie für manche einen Rahmen und Halt bieten können. Menschen, die nicht mehr bei uns sind leben zumindest in unseren Gedanken und Erinnerungen weiter. Alles Gute wünsche ich Dir.

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